ICH SEHE WAS,
WAS DU NICHT SIEHST ...

Kolumne von Debora Ferrante

Was ich immer wieder höre…

„Ich möchte erst sicher sein, bevor ich mich entscheide.“


Lieber hören als lesen? Hier geht’s zur Audio-Version auf Züri-Dütsch – den Text findest du direkt darunter.

„Ich möchte erst sicher sein, bevor ich mich entscheide.“

Diesen Satz höre ich in meinen Beratungen immer wieder.

„Ich möchte erst sicher sein, bevor ich mich entscheide.“

Aber wie lange willst du warten, bis du sicher bist?

Und was passiert eigentlich in der Zwischenzeit?

Nichts.

Du bleibst stehen.

Für mich sind Entscheidungen vor allem für eines da:

Damit wir in Bewegung kommen – und in Bewegung bleiben.

Denn in dem Moment, in dem wir uns entscheiden, passiert etwas. Wir gehen los. Wir machen Erfahrungen. Wir bekommen neue Informationen. Wir sehen plötzlich Dinge, die wir vorher gar nicht sehen konnten.

Und vielleicht entdecken wir dabei sogar Möglichkeiten, an die wir vorher überhaupt nie gedacht hätten.

Stell dir vor, du stehst auf einem Weg und kommst an eine Kreuzung.

Du kannst links gehen.
Du kannst rechts gehen.
Oder du kannst stehen bleiben, weil du Angst hast, den falschen Weg zu nehmen.

Vielleicht entscheidest du dich für rechts.

Du gehst los.

Und irgendwann merkst du: Das ist doch nicht meine Richtung.

War es deshalb die falsche Entscheidung?

Vielleicht führt dich genau dieser vermeintliche Umweg an einen Ort, den du sonst niemals gesehen hättest.

Vielleicht begegnest du dort einem Menschen, den du sonst nie kennengelernt hättest.

Vielleicht entdeckst du eine Möglichkeit, von deren Existenz du vorher nicht einmal wusstest.

Oder vielleicht merkst du einfach:

Nein. Genau das möchte ich nicht.

Auch das ist eine Erkenntnis.

Denn manche Dinge können wir nicht herausfinden, indem wir nur darüber nachdenken.

Wir dürfen sie erleben.

Und dafür braucht es irgendwann eine Entscheidung.

Ich glaube, wir geben einzelnen Entscheidungen manchmal viel zu viel Macht. Als müssten wir heute etwas entscheiden, das für immer gelten muss.

Aber eine Entscheidung darf auch einfach eine Entscheidung für den jetzigen Moment sein.

Mit dem Wissen, das wir heute haben.
Mit den Erfahrungen, die wir bis heute gemacht haben.

Und dann gehen wir los.

Aus einer Entscheidung entstehen Erfahrungen.
Aus Erfahrungen entstehen neue Erkenntnisse.
Und daraus können wieder neue Entscheidungen entstehen.

So kommen wir in Bewegung – und bleiben in Bewegung.

Vielleicht gehen wir einen Umweg.
Vielleicht ändern wir unsere Richtung.
Vielleicht gehen wir sogar ein Stück zurück.

Aber auch dann stehen wir nicht mehr am selben Punkt wie vorher.

Denn jetzt wissen wir mehr.

Und wann hast du das letzte Mal jemanden sagen hören:

„Keine Entscheidung zu treffen, war die beste Entscheidung meines Lebens.“

Wahrscheinlich eher:

„Das war die beste Entscheidung meines Lebens.“

Aber um diesen Satz irgendwann sagen zu können, musste vorher eine Entscheidung getroffen werden.

Vielleicht dürfen wir deshalb lernen, Entscheidungen anders zu betrachten.

Nicht als etwas Endgültiges.
Nicht als Garantie für die Zukunft.
Und nicht als etwas, das wir heute für den Rest unseres Lebens richtig machen müssen.

Sondern als Entscheidung für das Jetzt.

Ich entscheide mich mit dem Wissen und den Erfahrungen, die ich heute habe. Ich komme in Bewegung und bleibe offen.

Offen für neue Erfahrungen.
Offen für Möglichkeiten, die ich heute noch gar nicht sehen kann.
Offen dafür, meine Meinung zu ändern.
Und offen für einen Richtungswechsel, wenn mein Weg für mich nicht mehr der richtige ist.

Denn vielleicht liegt die Sicherheit gar nicht darin, von Anfang an den perfekten Weg zu kennen.

Vielleicht liegt sie vielmehr in dem Vertrauen, dass wir uns immer wieder neu entscheiden dürfen.

Denn jede Entscheidung bringt dich in Bewegung – und jede neue Entscheidung darf deine Richtung verändern.

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