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„Ich habe eigentlich ein gutes Bauchgefühl, aber …“
Diesen Satz höre ich in meinen Beratungen immer wieder.
„Eigentlich habe ich ein gutes Bauchgefühl.“
Und genau an diesem Punkt sage ich oft:
Ich bin gar kein so grosser Fan vom Bauchgefühl. Ich bin ein Fan der Intuition.
Denn für mich sind Bauchgefühl und Intuition nicht dasselbe.
Ich erkläre den Unterschied gerne mit einer Prüfung.
Stell dir vor, du sitzt vor einer Prüfungsfrage.
Du liest die Frage – und die Antwort ist einfach da.
Du schreibst sie hin.
Ohne lange darüber nachzudenken.
Ohne abzuwägen.
Ohne zu analysieren.
Das ist für mich Intuition.
Dann bist du mit der Prüfung fertig und gehst deine Antworten noch einmal durch.
Du bleibst bei genau dieser einen Frage hängen.
„Hmm … ist das wirklich richtig?“
Und plötzlich fängst du an nachzudenken.
Du erinnerst dich an etwas, das du irgendwann einmal gehört hast. Du fragst dich, ob die Frage vielleicht doch anders gemeint sein könnte. Du wirst unsicher, wägest ab – und änderst schliesslich deine erste Antwort.
Und wie oft passiert dann genau das Ärgerliche:
Die erste Antwort wäre richtig gewesen – und die korrigierte ist falsch.
Ich glaube, diesen Moment kennen viele.
Zuerst war die Antwort einfach da.
Und dann haben wir angefangen, sie zu hinterfragen, zu analysieren und zu verändern.
Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen Intuition und Bauchgefühl.
Die Intuition kommt zuerst.
Unmittelbar und noch unverarbeitet.
Danach beginnt etwas mit dieser ursprünglichen Information zu passieren.
Ich vergleiche es gerne mit einem Original und einer Kopie.
Für mich ist die Intuition das Original.
Dann schicken wir dieses Original sozusagen durch unseren ganz persönlichen „Kopierer“.
Und auf dem Weg zur Kopie mischt sich unser bisheriges Leben ein:
Unsere Erfahrungen.
Unsere Ängste.
Unsere Hoffnungen.
Unsere Erwartungen.
Unsere Wünsche.
Unsere Enttäuschungen.
All das beeinflusst, wie wir eine Situation betrachten und bewerten.
Am Ende kommt vielleicht etwas heraus, das dem Original noch sehr ähnlich sieht.
Aber es ist nicht mehr das Original.
Und genau so sehe ich das Bauchgefühl.
Es ist deshalb weder falsch noch wertlos.
Aber es ist für mich nicht mehr diese erste, unmittelbare Information. Sie ist bereits durch unsere persönliche Geschichte gegangen.
Und je länger wir nachdenken, analysieren, interpretieren und abwägen, desto schwieriger wird es manchmal, überhaupt noch zu erkennen:
Was war eigentlich das Original?
Vielleicht kennst du solche Momente.
Im ersten Augenblick war etwas vollkommen klar.
Und dann beginnt es:
„Ja, aber …“
„Was, wenn …?“
„Vielleicht täusche ich mich …“
„Beim letzten Mal war es doch auch …“
„Was werden die anderen dazu sagen?“
Und plötzlich sind wir weit weg von dem, was ganz am Anfang da war.
Für mich ist Intuition unmittelbar.
Sie diskutiert nicht.
Sie analysiert nicht.
Sie wägt nicht zehn Möglichkeiten gegeneinander ab.
Sie versucht nicht, uns von etwas zu überzeugen.
Sie ist einfach da.
Deshalb finde ich den gut gemeinten Rat
„Hör einfach auf dein Bauchgefühl.“
gar nicht so einfach.
Ich frage mich lieber:
Was war da, bevor die Angst kam?
Bevor die Hoffnung sich eingemischt hat?
Bevor meine bisherigen Erfahrungen angefangen haben mitzureden?
Bevor ich die Situation analysiert und bewertet habe?
Was war zuerst da?
Was war das Original?
Vielleicht dürfen wir wieder lernen, genau diesen allerersten Moment bewusster wahrzunehmen.
Das bedeutet nicht, jeden ersten Gedanken automatisch für richtig zu halten.
Sondern überhaupt wieder zu erkennen, was zuerst da war, bevor wir angefangen haben, es zu verarbeiten.
Und uns vielleicht öfter zu fragen:
Was wusste ich eigentlich, bevor ich angefangen habe, darüber nachzudenken?
Denn mal ehrlich:
Wer entscheidet sich schon freiwillig für die Kopie, wenn er das Original haben kann?
Und genau deshalb bin ich kein Fan vom Bauchgefühl.
Ich bin ein Fan der Intuition.