ICH SEHE WAS,
WAS DU NICHT SIEHST ...

Kolumne von Debora Ferrante

Was ich immer wieder höre…

„Aber dann verliere ich doch die Kontrolle …”


Lieber hören als lesen? Hier geht’s zur Audio-Version auf Züri-Dütsch – den Text findest du direkt darunter.

„Aber dann verliere ich doch die Kontrolle …”

Diesen Satz höre ich immer wieder, wenn ich über Hypnose spreche.

„Bin ich dann völlig weg?” „Schlafe ich?” „Weiss ich danach überhaupt noch, was passiert ist?” „Kannst du mich zu etwas bringen, das ich gar nicht will?” „Und was, wenn ich nicht mehr herauskomme?”

Hinter all diesen Fragen steckt meistens dieselbe Sorge: Was passiert mit mir, wenn ich die Kontrolle abgebe? Und genau hier beginnt für mich eines der grössten Missverständnisse rund um Hypnose.

Du bist nicht einfach weg

Hypnose bedeutet nicht, dass du deinen Willen an der Tür abgibst, die Augen schliesst – und ab diesem Moment jemand anderes über dich bestimmt. Du bekommst mit, was passiert. Du kannst hören, sprechen und reagieren. Und wenn dir etwas unangenehm ist, kannst du das sagen oder den Prozess unterbrechen.

Das ist mir wichtig, denn viele Bilder, die wir mit Hypnose verbinden, stammen aus Shows, Filmen oder dem Fernsehen. Jemand schnippt mit den Fingern, und plötzlich scheint ein anderer Mensch willenlos zu sein und macht irgendwelche verrückten Dinge. Das ist das Bild, das hängen bleibt. Und dann kommen Menschen zu mir und denken: Genau das passiert jetzt mit mir. Nein. Bei der Hypnose, mit der ich arbeite, geht es nicht darum, Macht über einen Menschen zu bekommen. Es geht darum, mit einem Menschen zu arbeiten. Du bist Teil des Prozesses.

Wie beim Tanzen mit geschlossenen Augen

Stell dir vor, du tanzt mit jemandem, dem du vertraust – und schliesst dabei die Augen. Du siehst nicht mehr, wohin es geht. Du lässt dich führen. Und trotzdem sind es deine Füsse, die sich bewegen. Dein Körper, der reagiert. Dein Tempo, das mitschwingt. Du kannst jederzeit stehen bleiben, die Augen öffnen, aussteigen. Aber solange du dich auf den Tanz einlässt, entsteht etwas, das du allein, mit offenen Augen und voller Kontrolle, vielleicht nie erlebt hättest.

Genau so verstehe ich Hypnose. Ich führe – aber du bist es, die sich bewegt.

Loslassen, nicht abgeben

Und trotzdem braucht Hypnose etwas Entscheidendes: die Bereitschaft, ein Stück Kontrolle loszulassen. Nicht die Kontrolle über dich selbst. Nicht deinen eigenen Willen. Sondern dieses permanente bewusste Kontrollieren: Was passiert jetzt? Mache ich es richtig? Bin ich schon in Hypnose? Funktioniert es bei mir? Was kommt als Nächstes?

Wenn wir innerlich die ganze Zeit danebenstehen und jeden einzelnen Schritt kontrollieren wollen, wird es schwierig, uns wirklich auf den Tanz einzulassen. Und genau deshalb ist Vertrauen für mich ein wichtiger Teil der Hypnose: Vertrauen in den Prozess, Vertrauen in die Person, die dich führt, und auch Vertrauen in dich selbst.

Trotzdem: Hypnose ist keine Zauberei. Ich kann nicht einfach dein Gehirn öffnen, etwas herausnehmen, etwas Neues hineinlegen und dich danach wieder nach Hause schicken. Und Hypnose bedeutet auch nicht, dass jemand anderes die Veränderung für dich erledigt.

Ich führe – gehen musst du selbst

Ich sehe mich dabei ein Stück weit wie einen Tanzpartner. Ich gebe die Richtung, den Rhythmus, die Führung. Ich kann dich dabei unterstützen, dorthin zu schauen, wo du alleine vielleicht nicht hingeschaut hättest. Aber bewegen musst du dich selbst. Genau deshalb ist Hypnose für mich Zusammenarbeit.

Vielleicht ist deshalb die spannendere Frage gar nicht: „Verliere ich in Hypnose die Kontrolle?” Sondern: „Kann ich mir erlauben, für einen Moment nicht alles kontrollieren zu müssen – und trotzdem ganz bei mir zu bleiben?”

Du gibst deinen Willen nicht ab. Du gibst dich nicht ab. Du bist nicht plötzlich jemand anderem ausgeliefert. Du bist immer noch du. Aber du erlaubst dir, dich führen zu lassen, ohne dabei aufzuhören, selbst zu tanzen.

Und genau deshalb ist Hypnose für mich ein so faszinierendes und wertvolles Tool. Nicht weil du dabei die Kontrolle verlierst. Sondern weil du erleben kannst, was möglich wird, wenn du nicht mehr versuchst, jeden einzelnen Moment zu kontrollieren.

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