ICH SEHE WAS,
WAS DU NICHT SIEHST ...

Kolumne von Debora Ferrante

Was ich immer wieder höre…

„Aber ich habe doch schon soooo viel an mir gearbeitet …”

Lieber hören als lesen? Hier geht’s zur Audio-Version auf Züri-Dütsch – den Text findest du direkt darunter.

„Aber ich habe doch schon soooo viel an mir gearbeitet …”

Diesen Satz höre ich in meinen Beratungen immer wieder.

„Debora, ich habe doch schon so viel an mir gearbeitet.”

Ich verstehe diesen Gedanken sehr gut. Irgendwann möchte man auch einmal „fertig” sein. Man hat so vieles angeschaut, verstanden, aufgearbeitet und verändert.

Aber dann frage ich manchmal: Wann hast du dein Zuhause das letzte Mal geputzt?

Und stell dir vor, du würdest mir antworten: „Vor 20 Jahren. Ich habe damals wirklich gründlich geputzt.”

Wäre dein Zuhause deshalb heute noch sauber? Natürlich nicht. Und niemand würde auf die Idee kommen zu sagen: „Aber ich habe doch damals schon geputzt. Warum muss ich das jetzt wieder machen?”

Für mich ist es mit unserer persönlichen Entwicklung ähnlich.

Nicht, weil wir ständig etwas an uns finden müssen, das nicht gut genug ist. Und auch nicht, weil wir unser ganzes Leben damit verbringen sollten, vermeintliche Baustellen zu suchen. Sondern weil Leben passiert.

Wir machen neue Erfahrungen. Menschen kommen in unser Leben, andere gehen. Wir werden enttäuscht, verlieben uns, verlieren, gewinnen, zweifeln, verändern uns. Wir werden älter. Unsere Bedürfnisse verändern sich. Unsere Lebenssituationen verändern sich. Und all das hinterlässt etwas.

Deshalb bedeutet „an sich arbeiten” für mich nicht, permanent an sich herumzuschrauben. Es ist vielmehr wie ein eingebautes Ventil – etwas, das ich immer wieder öffne, damit sich nicht über Jahre alles in mir anstaut.

Manchmal braucht es nur einen kleinen Moment: innehalten, hinschauen, etwas erkennen und weitergehen. Manchmal braucht es mehr. Genau wie bei unserem Zuhause: Manchmal reicht kurz durchsaugen und Fenster öffnen. Manchmal merkt man, jetzt wäre eine gründliche Reinigung nötig – vielleicht muss sogar etwas repariert, aussortiert oder neu eingerichtet werden.

Aber wir würden doch niemals sagen: „Mein Zuhause müsste für immer sauber sein, weil ich es vor 20 Jahren einmal gründlich geputzt habe.” Warum erwarten wir das dann manchmal von uns selbst?

Vielleicht geht es bei persönlicher Entwicklung gar nicht darum, irgendwann fertig zu sein. Vielleicht geht es darum, einen selbstverständlichen Umgang damit zu entwickeln. Ohne Druck. Ohne ständig nach dem nächsten Problem zu suchen. Ohne das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Sondern mit dem Bewusstsein: Ich kümmere mich um mein Inneres genauso selbstverständlich wie um die Dinge in meinem Leben, die mir wichtig sind.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen ständig „an sich arbeiten müssen” und sich selbst ein Leben lang gut zu begleiten

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